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Helmut  Mueller-Enbergs 

Gastprofessor bei Süddänische Universität 2008/2009
Dienstag, d. 24. März im Auditorium 100
 

Geb. in Haltern. Studierte in 1985-1989 Politologie, Soziologie und Philosophie in Münster und Berlin und in 1989 Diplom-Politologie. War zwischen 1989 und 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der FU Berlin, sowie 1990-1992 Pressesprecher für Fraktion Bündnis 90 im Landtag Brandenburg und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Stolpe-Untersuchungsausschuss. Nach 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). HCA-Gastforscher beim Center für Kaltkriegsstudien an der Süddänische Universität 2008-2009.

 


 Warum Spionage?
 

Helmut Müller-Enbergs

 Jeder tut es, jeder kann es. Manchmal gut, manchmal schlecht, insbesondere dann schlecht, wenn man dabei erwischt wird: Ich spreche von Spionage. Spionage gehört zu unserem Leben und ist so wichtig wie das Essen, mindestens aber so wichtig wie ein Handy. Sie begegnet uns nicht nur in der Kultur, also im Film oder in der Literatur, sondern überwiegend im Alltag, mindestens aber auf dem Weg zum Hörsaal und im Hörsaal selbst, also auch in diesem Augenblick. Irgendwer wird schon berufsbedingt zuhören, um zu wissen, was gesagt wird.

Denn das ist das Wesen der Spionage: Informationen sammeln, insbesondere jene Informationen, die niemand kennen soll, also zumindest niemand, der nicht dazu befugt ist. Beispiele? Wer will nicht wissen, wie das Thema einer Klausur lautet? Welche Fragen in einer mündlichen Prüfung gestellt werden? Ob der Freund oder die Freundin wirklich treu sind? Man braucht diese Informationen, um einen Vorteil zu haben. Oder um sich zu schützen, vor Enttäuschung oder vor einer Gefahr. Klingt banal, nicht wahr?

Bei Informationen geht es um Wissen. Das muss aktuell und neu sein. Die Information muss relevant sein. Die gleiche Information kann schon morgen belanglos sein. Informationen sind unmittelbar praxiswirksam, sie werden umgesetzt in Entscheidungen. Informationen machen den Alltag und das Umfeld berechenbarer. Man kann kalkulieren, was auf einen zukommt. Informationen optimleren. So gesehen ist jeder Student ein Spion in eigener Sache, das Studium nichts anderes als Wissensspionage. Spionage optimiert Wissen, um es sofort oder später anzuwenden.

Es mag zwar manch einem so vorkommen, aber ein Studium stellt dennoch kein wirkliches Geheimnis dar. Denn die dabei vermittelten Informationen sind offen, für jedermann beschaffbar. Spionage interessiert sich aber ausschließlich für geheim gehaltene Informationen. Und Spionage ist die Kunst, unbemerkt an geheim gehaltene Informationen zu gelangen. Einem echten Spion ist niemals anzusehen, dass er einer ist. Das ist eine- Kunst, die man lernen muss. An dieser Stelle gelangen wir an das erste große Problem: Wie lange ist eine Information geheim? Wir werden in unserem Alltag kaum Menschen kennen, die ein Geheimnis lange für sich behalten können. Und hat man eine geheime Information einmal jemand anderem erzählt, kann man damit anfangen, auf die Uhr zu sehen und damit beginnen, die Minuten zu zählen, um herauszufinden, wann das Geheimnis die Runde macht, als Gerücht bekannt wird - und das Gegenteil von dem wird, was es sein soll: nämlich kein Geheimnis mehr. Eine geheime Information ist aber nur solange geheim, wie niemand sie kennt.

I

Wenn also jeder jeden Tag spioniert, um im Alltag zu überleben, dann darf man erwarten, dass die Summe einer Menschengruppe, die Gesellschaft, das auch tut. Wenn einer, dann alle. Und wenn sich eine Gesellschaft auf einem klar definierten Territorium eine politische Ordnung gibt oder unter einer politischen Ordnung lebt, das weiß ein jeder, gibt es einen Staat. Und seine Bewohner wollen, wenn sie mit dem Staat zufrieden sind, aus keinem anderen Grund wi e der einzelne selbst, den Staat dauerhaft angelegt wissen. Er will also seine Existenz absichern. Dazu tut er allerlei. Er sichert sich ab, mindestens durch das Gewaltmonopol, ein Fachbeamtentum und eine bürokratische Herrschaft. Das klingt etwas erhaben, ist aber erforderlich, denn ein Staat trachtet danach, militärischen Angriffen gewachsen zu sein, wirtschaftlich gegenüber anderen nicht ins Hintertreffen zu geraten, seine Geheimnisse zu hüten und jeden Versuch, das System gegen seinen Willen zu ändern, zu unterbinden. Zu diesem Zweck wird er seine geostrategische Lage und die damit verbundenen Risiken beurteilen, die ökonomische, politische und militärische Stärke seiner Nachbarn, gleich ob gegnerisch oder verbündet, stets wissen sowie alle in die innere Stabilität gefährdenden Faktoren kennen und auch mindern wollen. Das gilt in Friedens- als auch in Kriegszeiten. Denn Frieden ist kein Naturzustand, sondern ein Zustand des Krieges, bei dem zwar kein Schuß fällt, aber immer eine latente Bedrohung des Friedens besteht. Der Staat braucht also Kenntnisse, die er gegenüber Dritten geheim zu halten versucht wie er ebenfalls bemüht ist, an solche Kenntnisse zu gelangen. Das geht nur durch Spionage. Er ist gleichsam, um seine Existenz aufrechtzuerhalten, zur Spionage gezwungen. Aus diesem Grund heraus verstößt der Staat willentlich gegen Normen oder Gesetze eines anderen Landes. Er unterhält einen oder mehrere Geheimdienste, denen er dieses Privileg zuerkennt, so wie er umgekehrt jene bestraft, die unerlaubt Kenntnisse für dritte Staaten beschaffen. So lange es Staaten gibt, dürfte diese Funktion der Geheimdienste gültig bleiben.

II

Wenn also Spionage für einen Staat unverzichtbar ist, so müsste man doch erwarten können, dass die Kunst der Spionage auch Gegenstand akademischer Forschung ist. Das ist aber nur in wenigen Staaten der Fall, etwa in Amerika, England oder Österreich. Aber selbst dort ist die Forschung über Spionage lediglich eine Forschung zur Geschichte der Spionage. Ober Spionage selbst, über die Kunst der Spionage gibt es keine akademische Forschung, weder in Deutschland noch in Dänemark, eigentlich. Denn die Kunst der Spionage, ihre Erfolge und Niederlagen sind geheim, weil die Informationen darüber sonst gegnerischen Staaten, Institutionen oder Gruppen einen Vorteil verschaffen würden. Für die Spionage selbst unterhält beinahe jeder Staat spezielle Schulen und der dort vermittelte Lernstoff ist geheim, sehr geheim. Zumindest unternimmt man viel, das sehr geheim zu halten. Folglich dürfte es eigentlich keine akademische Forschung zu Nachrichtendiensten oder schon gar nicht zur Nachrichtendienstpsychologie geben. Und sie dürfte es solange nicht geben, wie Staaten unmittelbar durch Spionage in ihrer Existenz bedroht sind.

Wie ist aber nun zu erklären, dass die Süddänische Universität als erste in Dänemark zumindest einen Gästeforscher genau diese Fragen untersuchen lässt, also Fragen aus dem Bereich der Nachrichtendienstgeschichte und der Nachrichtendienstpsychologie? Ist Dänemark als Staat nicht mehr bedroht? Oder fördert die Süddänische Universität Geheimnisverrat? Natürlich tut sie das nicht! Aber sie hat die Zeichen der Zeit richtig interpretiert: Sie unterhält ein Institut zum Kalten Krieg. Die Forschung ist sich seit Jahren darüber einig, dass der Kalte Krieg - vom Ergebnis heraus betrachtet - ausschließlich ein Krieg der Nachrichtendienste, ein nachrichtendienstlich geführter Krieg war. Wenn also der Kalte Krieg mit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa beendet ist, dann müsste folglich auch der Krieg der Nachrichtendienste bzw. der nachrichtendienstlich geführte Krieg beendet sein. Das ist er freilich nicht. Aber mit dem Ende des Kalten Krieges änderten sich Methoden, Ziele und Aufgaben der Nachrichtendienste. Das bedeutet aber auch, dass die Methoden, Ziele und Aufgaben der Nachrichtendienste des Kalten Krieges nicht mehr geheim sein müssen. Dies hat die Süddänische Universität erkannt und konsequenterweise im Bereich der akademischen Disziplinen von Internationaler Politik, neuester Zeitgeschichtsforschung und eingeschränkt Psychologie, also im Institut für Kalte-Kriegsstudien, Forschungen ermöglicht, die sich mit Nachrichtendienstgeschichte und Nachrichtendienstpsychologie befassen.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich für diese Klarsicht, die es in der Süddänischen Universität gibt, ebenso herzlich danken wie auch dafür, dass hier der frische Wind freier Forschung weht und die Freiheit der Forschung verteidigt wird - wie beispielsweise vor zwei Jahren die Konferenz über die Stasi. Diese Luft ist der Stoff, mit dem moderne Forschung überhaupt nur denkbar ist. Dass ich dabei sein durfte, dafür möchte ich mich hier ausdrücklich bedanken. In so einem Klima wie hier in Odense gelangt man dann auch zu Forschungsergebnissen, die ich im Weiteren zum Thema vorstellen möchte.

III

Bislang war die Rede davon, dass ein jeder spioniert, wenn auch in eigenen Angelegenheiten oder eben jeder Staat Spionage betreiben lässt. Die Frage stellt sich jedoch dem wichtigsten Akteur, dem Spion selbst, anders. Warum spioniert er?

Geben wir es zu: Üblicherweise, so nimmt man an, arbeitet ein Spion für einen gegnerischen Staat aus finanziellen Gründen. Verrät sein Land wie Judas für Silberlinge Und wenn er es nicht aus finanziellen Gründen tut, dann aber, weil er dazu erpresst wird. Oder aber aus Liebe. Diese Ansichten haben sich in unserem kollektiven Gedächtnis festgesetzt, findet sich sogar in der seriösen Fachliteratur und auch in guten Romanen. Es werden also die Zwangslagen eines Spions betont, denn er ist bereit, ein Risiko einzugehen, das in den meisten Ländern mit Gefängnisstrafen, zuweilen lebenslänglich, geahndet wird. Stimmen diese Ansichten?

Eine empirisch abgesicherte Untersuchung über Motive erlauben die überlieferten Akten der Stasi. Nimmt man die Erkenntnisse über Spione, die im Ausland Informationen beschafften, kommt man zu einem verblüffenden Ergebnis: 54- bis 68 Prozent der Stasi-Spione hatten ein ideelles Motiv. Das besagt, dass sie in irgendeiner Art und Weise vom gegnerischen Staat, also hier der DDR, überzeugt waren. Von deutlich geringer Bedeutung waren finanzielle Interessen. Sie rangieren zwischen 17 und 28 Prozent. Schon in ähnlicher Größenordnung war noch eine andere Motivgruppe: Die der persönlichen Zuneigung - schlicht Freundschaft ohne jeden politischen Inhalt. Diesem Motiv können 12 bis 17 Prozent der Stasi-Spione zugeordnet werden. Nahezu vollständig unbedeutend war Erpressung. Lediglich 0,3 Prozent wurden "unter Druck" geworben. Manche glaubten, sie würden nicht für die DDR spionieren, sondern für Frankreich, Amerika, England oder für ein Konkurrenzunternehmen. Dieser Anteil beträgt vier Prozent. Schließlich finden wir mit 7 Prozent noch eine Gruppe von Menschen unter den DDR-Spionen, die von der DDR in das auszuspionierende Land eingeschleust wurden.

Man kann sagen: Gut, nun wissen wir mehr. Wir wissen also, dass die Stasi-Spione überwiegend politisch motiviert waren. Das ist ein Fortschritt in der Forschung. Aber was besagt das heute? Die Beobachtung für die DDR-Spione erlaubt immerhin die These, dass Staaten mit einer starken ideologischen, nationalen, vielleicht auch religiösen Ausrichtung auch einen entsprechend hohen Anteil ideell motivierter Spione unterhalten. Die Untersuchungen zeigen ferner, dass in der Regel häufiger Spione enttarnt werden, dienen eher materielle Motive zugewiesen werden können. Überzeugte Spione sind viel disziplinierter, halten wesentlich besser die Konspiration, also die Spionageregeln ein, denken auch an den möglichen Schaden, der dem Land, für das sie spionieren, entsteht, wenn sie enttarnt werden. Ferner scheint die Leistungsbereitschaft von Spionen, die vornehmlich an Geld interessiert sind, deutlich schwächer zu sein als bei ideell gesinnten Spionen. Ideelle Spione sind auch preiswerter, weil ihre Überzeugung sie leitet.

IV

Was wird ausspioniert? Allgemein sind die klassischen Spionagefelder bekannt: politische, militärische und wirtschaftliche Spionage sowie Gegenspionage. In der öffentlichen Wahrnehmung steht vornehmlich die politische Spionage im Mittelpunkt. Man weiß zwar auch von militärischer oder wirtschaftlicher Spionage, doch die politische Spionage gilt gemeinhin als gewichtiger. Was für ein Irrtum!

Mithilfe der Stasi-Unterlagen lässt sich das genauer untersuchen. Dabei helfen Analysen der Schwerpunkte jener Spione, die in den Einrichtungen, die ausspioniert werden sollen, arbeiten. Bei denen einen heißen diese Spione Jnnenquellen", bei der Stasi hießen sie "Objektquellen". Demnach waren zwei von fünf Spionen - 39 Prozent - damit befasst, für die DDR Informationen, Muster, Patente und Verfahren aus Wissenschaft und Technik zu beschaffen. 19 Prozent waren auf politische Spionage ausgelegt, 8 Prozent auf Militärspionage und 5 auf Gegenspionage. Dieses Profil skizziert nicht allein die Interessenlage der DDR, sondern faktisch auch die Osteuropas und der damaligen Sowjetunion. Das ist interessant. Aber was bringt uns das heute? Es gibt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Interessen eines Staates und den Zielen, die sie ihren Spionen gibt. Folglich ergibt eine Analyse der Interessenlage auch ein Profil darüber, wo sie Spione wirbt oder geworben hat. Das heißt: An den Prioritäten eines Staates lässt sich bereits am Schreibtisch lokalisieren, wo Spione eigentlich platziert sein müssten.

Die Informationen müssen freilich verwertbar sein. Das lässt sich von außen schlecht beurteilen, da das Sammeln von Informationen in der Summe einem Puzzlespiel gleicht. Zu Zeiten des Kalten Krieges kam der führende Politiker der Sowjetunion zu Besuch nach Deutschland, ein Mann, der für seine dogmatische Politik bekannt war. Ein Nachrichtendienst analysiert freilich in diesem Zusammenhang die Frage: Wie lange wird der noch an der Macht sein? Ein Indikator ist seine Gesundheit, weshalb es hilfreich ist, aus dem Stuhlgang dieses Mannes gewisse Rückschlüsse zu ziehen. Man kann sagen: Ein sehr guter Nachrichtendienst kann sogar aus Scheiße wichtige Erkenntnisse gewinnen.

Wie bedeutend eine einzelne Information sein kann, zeigte sich im Zweiten Weltkrieg. Die Sowjetunion musste von einem Zwei-Fronten-Krieg ausgehen - von Deutschland und Japan aus angegriffen zu werden. Ein Spion konnte ihr zuverlässig mitteilen, dass Japan nicht angreifen würde. Somit konnte die Sowjetunion ihre militärische Kraft ganz auf Deutschland konzentrieren. Diese Information hat einen solchen Wert für die Sowjetunion gehabt, das sich alle anderen Spionagekosten, seien sie sonst nur für wertlose Informationen ausgegeben worden, gerechnet haben. Dieses Beispiel belegt den wichtigsten Grund für Spionage: Spionage ist die preiswerteste Art Krieg zu führen.

Das gilt leider nicht in allen Fällen. Amerika musste durch ein unzutreffendes Bild von den militärischen Möglichkeiten des Irak lernen, dass schlechte oder falsche Informationen politisch, ökonomisch und menschlich sehr teuer kommen können. Aber das ist schon eher eine Frage des Niveaus der Analytiker des Nachrichtendienstes oder der sie beaufsichtigenden Politiker, als per se ein Ar gument gegen Spionage.

V

Wie findet man Spione und wie gewinnt man sie? Geben wir es zu: Wir denken immer an Spitzenpolitiker, wenn wir an politische Spitzenspione denken. Das gab es, auch in Dänemark. Die Analyse der Stasi-Unterlagen zeigt, dass es bestimmte Zielgruppen an Personen gibt, die als Spione geworben werden sollen. Da gibt es die Sekretärinnen, die Journalisten und die Studenten. Während Funktionsträger ihre Arbeitsplätze wechseln, Sekretärinnen bleiben meist lange an einem Arbeitsplatz und gewinnen einen hervorragenden Einblick in Arbeitsprozesse. Sie sitzen stets an einer Schanierstelle, wo viele Informationen zusammenkommen und weitergegeben werden. Die Unterlagen zeigen auch, dass Frauen, die aus Liebe spionieren, sehr selten sind. Journalisten nehmen berufsbedingt an Ereignissen teil und gewinnen auf diese Weise recht aktuelle Informationen. Und Studenten sind Teil einer Langzeitstrategie der Stasi gewesen. Meist in jungen Jahren geworben, wurden die auf einen zukünftigen Arbeitsplatz sorgfältig vorbereitet. Sie waren meist schon als Spione ausgebildet, bevor sie eine Tätigkeit aufnahmen. Auf diese Weise konnten sie auf ihre Unauffälligkeit vorbereitet werden.

In der Regel fand die Stasi neue Spione durch Empfehlungen bereits aktiver Spione. Es handelt sich hier um einen Dominoeffekt. In seltenen Fällen haben die Eltern oder Väter ihre jungerwachsenen Kinder zur Spionage herangeführt. Auffällig ist, dass rund 80 Prozent der Spione nicht in ihrer Heimat für die Spionage geworben wurden, sondern in der DDR. Auch hier zeigt sich der Nutzen solcher Erkenntnisse, denn diese Herangehensweise dürfte noch heute gültig sein.

VI

Eine besondere Gruppe der Spione sind so genannte "Übersiedler". Unter den Stasi-Spionen waren zuletzt 7 Prozent aus der DDR in das Ausland, meist in die Bundesrepublik Deutschland, manchmal über Dänemark übergesiedelt worden. Manche traten als Flüchtling auf, bei anderen war überhaupt nicht erkennbar, dass sie einmal DDR-Bürger waren. Diesen Spionen wurde zu einer neuen, bundesdeutschen Biographie verholfen, manchmal sogar zu Identitäten von Bürgern, die es noch real gab. Gewissermaßen gab es dann zwei Personen mit ein und derselben Identität. In solchen Fällen versuchte die DDR-Spionage, den echten Bundesbürger in die DDR zu locken und dort sesshaft zu machen, während der falsche Bundesbürger in einer anderen Stadt mit der geliehenen Identität weiterlebte. Die Vorbereitung solcher Spione war umfassend und konnte Jahre dauern. Sie mussten nicht nur die "bundesdeutsche" Sprache lernen, sondern auch mit zahlreichen alltäglichen Gepflogenheiten vertraut gemacht werden. Der Aufwand für solche Spione war für die DDR-Spionage enorm, aber lohnend. Sie waren meist sehr überzeugt von der DDR und perfekt im Spionagehandwerk ausgebildet. Das Risiko für diese Spione war sehr groß und es bedurfte ständig Informationen darüber, ob diese Spione gefährdet wären. Der Erfolg für die DDR-Spionage ist aber messbar. In einem Fall gelang es, über viele Jahre eine Spionin als Sekretärin bei einem Generalsekretär einer bundesdeutschen Partei arbeiten zu lassen, zuletzt sogar als Sekretärin eines Ministers.

Die Methodik dieser Spionagestrategie war außerordentlich entwickelt und die Spione selbst, wenn sie keine Fehler machten, so gut wie nicht zu enttarnen. Im Falle der erwähnten Sekretärin war es zu einer Panne gekommen, als diese in einem Taxi einen gefälschten Ausweis mit einer noch anderen Identität hat liegen lassen. Sie brach ihre Spionageaktivitäten ab.

Sie erwarten sicherlich zumindest einen exemplarischen Fall, am besten einen der zuletzt rund 20 dänischen Stasi-Spione der DDR-Spionage. Doch keiner ist -so aufwändig wie der des Eberhard Lüttich. Lüttich war ein Spionageoffizier in der DDR, der selbst Spione in der Bundesrepublik geführt hatte. Nun sollte er in die Haut eines Hans schlüpfte. Als Hans zu seiner Geliebten in die DDR zog, siedelte Lüttich als Hans nach Hamburg. Das war 1972. Sieben Jahre später wurde er dort verhaftet. Lüttich sollte sich mit der Welt in der Bundesrepublik Deutschland vertraut machen, um dann nach Amerika zu kommen, um dann dort zu spionieren. Lüttich war drei Jahre auf seinen Einsatz vorbereitet worden. In dieser Zeit lernte er funken, tote Briefkästen anlegen, machte Reisen nach Zürich, Hamburg und nach England. So wurde er mit der westlichen Welt vertraut. Die Sache hatte einen Haken: Lüttich war akademisch ausgebildet, seine neue Identität konnte lediglich Kran fahren. Die erste Aufgabe lautete also, sich abermals akademisch zu qualifizieren; er studierte Betriebswiritschaft. Ein Jahr später nach seiner Übersiedlung, 1973, stieg er bei der Transportfirma Schenker ein - und machte Karriere. Lüttich wechselte nach New York. Sein neuer Auftrag: Er sollte eine Frauenbekanntschaft machen und eine Amerikanerin in exponierter Stellung heiraten. Fünf Jahre nach seiner Übersiedlung, 1978, hatte er bei Schenker einen sehr guten Überblick über die Militärtransporte der Firma Schenker. Er hatte es vom Bürogehilfen zum Assistenten des Vizepräsidenten geschaff-t. Auch lernte er eine Frau kennen: Aus Sicht der DDR-Spionage die falsche - eine Exilkubanerin, die er heiratete. Diese Frau ließ er sich auch von der DDR-Spionage nicht ausreden. Allerdings lief die Operation nach zehn Jahren aus dem Ruder: Der echte Hans wollte raus aus der DDR, bemühte sich rege, doch stets wurden seine Briefe an seine Mutter in der Bundesrepublik von der DDR-Geheimpolizei abgefangen - nur einmal nicht. Und ausgerecht dieses eine Schreiben wurde vom Bundesamt für Verfassungsschutz gelesen, die schnell feststellte, dass es zwei Hans gab - einen in Wismar, einen in New York. Aber nur einer konnte der echte Hans sein. Als 1979 Lüttich dienstlich in Hamburg war, wurde er festgenommen. Lüttich sagte aus und durfte recht bald wieder nach Amerika zu seiner Frau. Dort lebte er wieder unter einer anderen Identität weiter. Aber hat er wirklich alles ausgesagt? Heute wissen wir anhand der Stasi-Unterlagen, dass er das nicht getan hat. Die DDR-Spionage arbeitete mit einigen seiner früheren Spione weiter, als sei nichts geschehen. Lüttich hat gewissermaßen eine besondere Form der Lebensversicherung geschlossen: Er verrät nicht alles, dafür verfolgt ihn die DDR-Spionage nicht weiter. Und woher wusste die DDR-Spionage, dass er nicht alles verraten hat? Ein Journalist, ansonsten DDR-Spion, hat Informationen aus den Vernehmungsprotokolle beschaffen können.

VII

Je sorgfältiger und langfristiger ein Spion aufgebaut wurde, desto längerfristiger konnte er auch Informationen beschaffen. Dies geht aus Stasi-Unterlagen hervor. Die Analyse ergibt, dass 3 Prozent der DDR-Spione über 30 Jahre lang spionierten, 10 Prozent über 20 Jahre lang, 24 Prozent über zehn Jahre lang. Das bedeutet, über die Hälfte der Stasi-Spione war über ein Jahrzehnt aktiv. Diese Beobachtung ist außerordentlich interessant, da bei westlichen Nachrichtendiensten in der Regel ein wesentlich kürzerer Atem vorherrscht.

Dabei stellte die DDR-Spionage nur selten auf Frauen ab. Geradezu verblüffend ist, dass lediglich 28 Prozent unter DDR-Spionen Frauen waren. Während diese Angabe sich auf alle DDR-Spione erstreckt, die 1988 aktiv waren, zeigt sich, zu welchen abweichenden Angaben man gelangt, wenn die Analyse lediglich auf enttarnte oder verurteilte DDR-Spione abstellt. Unter den bis 1965 enttarnten DDR-Spionen waren lediglich 15 Prozent Frauen (van Bergh), unter den in den neunziger Jahren verurteilten DDR-Spionen waren 22 Prozent Frauen (Herbstritt). Diese Beobachtung zeigt, dass aus Unterlagen von Enttarnten nur bedingt zutreffende Analysen erstellt werden können. Mehr noch zeigt sich empirisch belegt, dass die Hälfte des Spionagehimmels nicht den Frauen gehört.

VIII

"Warum Spionage?" stellt sich als Frage anders, wenn der Spion enttarnt und verurteilt wurde. Dass er zur Haft verurteilt wird, versteht sich. Aber was bedeutet das für das Berufsleben, den Partner, die Kinder? In der Regel werden Spione entlassen und stehen vor dem nichts, wenn sie nicht in das Land ziehen wollen, für das sie spioniert haben. Nicht selten wussten die Partner von Spionen gar nichts von deren Tätigkeit und sind enttäuscht, Ehen lösten sich au£ Aus den Forschungen geht hervor, dass Kinder oftmals gleichfalls Leidtragende sind. Die Kinder wurden mit einer staatskonformen Einstellung erzogen, was Teil der Konspiration des Spions war. Viele Kinder erfahren das als Verrat. Nicht wenige DDR-Spione standen vor einem Scherbenhaufen: Arbeit weg, Partner weg, Kinder weg, meist wegen der Prozesskosten stark verschuldet und dann noch Haft. Für politische Spione kommt hinzu, dass sie während ihrer Agententätigkeit leidenschaftlich eine Partei unterstützt haben, hinter der sie in Wirklichkeit nicht standen. Im Falle eines DDR-Spions also auftragsweise'Funktionär einer konservativen Partei waren, aber im inneren kommunistisch eingestellt waren.

"Warum Spionage?", wenn der Staat, für den man spioniert hat, untergegangen ist-; gewissermaßen es nichts gebracht hat. Man muss dann schon einen starken Glauben haben, eigene Spionage als sinnvoll zu erachten. Hinzu kommt, dass die Menschen, die Gesellschaft und der Staat die Informationen der Spione liebt, nicht aber den Spion selbst.

IX

Nicht nur an diesem Punkt zeigt sich die Kehrseite der Spionage. Auf diesem Gebiet gibt es keine ethischen Maßstäbe, wie sie gesellschaftlich erwartet werden. Man hat stets mit Grenzbereichen zu tun. Spionage ist zweifelsfrei überwiegend Informationsbeschaffung mit dem Ergebnis, dass es zu einem ökonomischen oder militärischen Gleichgewicht kommen kann. Im Ergebnis des Kalten Krieges hat der DDR, Osteuropa und der Sowjetunion der Nachrichtendienstkrieg nichts genützt. Trotz umfassender Kenntnisse konnte sie nicht mithalten.

Kalter Krieg, es wurde schon erwähnt, war auch ein nachrichtendienstlich geführter Krieg. Das heißt, dieser Krieg verlief nicht offen, nicht allein über diplomatische Kanäle oder politische Scharmützel. Dieser Nachrichtendienstkrieg war gewissermaßen die Fortsetzung politischer, militärischer und ökonomischer Strategien - nur eben verdeckt. Zweifelsfrei gibt es nicht nur Spionage als Verteidigung des Staates, sondern auch Spionage als Angriff, um dadurch den eigenen Staat zu stärken, den anderen zu schwächen. Das konnte bis zur nachrichtendienstlichen Vorbereitung eines Krieges gehen.

Im Zentrum stand dabei stets, den gegnerischen Staat zu unterminieren, seine Staatsbürger gegen ihn aufzubringen. Hier werden dann echte, teils echte oder gefälschte Informationen aktiv eingesetzt. Desinformation nennt man das. Da werden beispielsweise dunkle Flecken bei Politikern in die Medien lanciert, krumme Geschäfie offenbart oder andere Aktivitäten entfaltet, um den Staat oder eine Partei zu diskreditieren. Dazu gehört auch, Zwietracht zwischen Parteien zu säen. Das Ziel ist eben stets gleich: Den gegnerischen Staat zu schwächen oder gegenüber dem eigenen Staat geneigter zu machen. Die Formen sind vielfältig: Radio- und Fernsehsendungen, Flugblätter und Zeitschriften, die verteilt oder gefördert werden, Kongresse und Bücher. Kurz: Die gesamte Palette an Informationsmitteln wird ausgeschöpft.

Spionage schließt aber auch ein, ehemalige Bürger des gegnerischen Staates militärisch oder politisch auszubilden, um diese zum geeigneten Zeitpunkt einzusetzen. Es gibt in der Geschichte der Nachrichtendienste durchaus Beispiele, wo Aufstände gefördert und Politiker gestürzt wurden. Spionage schließt ein, Staaten zu unterstützen, die offiziell diplomatisch diskreditiert sind. In der Summe ist Spionage immer auch eine Art politisches Einflußinstrument. Das ist im Übrigen unabhängig von der Staatsform. Was einem Militär selbstverständlich ist, wird in der Zivilgesellschaft auf Ablehnung stoßen. Aus diesem Grund beteiligen sich eine Reihe europäischer Staaten an dieser Form der Spionage nicht, darunter Deutschland.

X

Fassen wir zusammen: Spionage gehört zu unserem Alltag und zum Alltag eines Staates. So unerfreulich die Arbeit und dieser Berufsstand ist, beides ist notwendig. Und Spionage ist die preiswerteste Form der Kriegfährung. Und die Forschung über Nachrichtendienste und Nachrichtendienstpsychologie sollte eine akademische Disziplin sein, um die Spannung zwischen Mythos und Wirklichkeit zu mindern.

Es ist doch seltsam, dass es ein beachtliches gesellschaftliches Interesse an Spionage existiert, Romane und Filme ein Millionenpublikum begeistert, aber ein Bild gezeichnet wird, das nichts anderes als ein Mythos ist. Eben eine sagenhafte Geschichte, die mit der konkreten Wirklichkeit kaum Tuchfühlung hat. Dagegen die Wirklichkeit, also empirische Analyse, zu stellen hat doch einen Reiz, dem man nachgeben sollte.

 
     
 

 

 
     
 

 

 
 

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